Auftaktveranstaltung

Expertenrunde bei der Podiumsdiskussion zur Generation Smartphone (großes Bild, von links): Unternehmer Philipp Depiereux, Medienpädagoge Sebastian Ring, Moderatorin Prof. Dr. Angelika Beranek, Landesschülersprecher Joshua Grasmüller, Psychiaterin Dr. Susanne Pechler und Philosophieprofessor Prof. Dr. Dr. Matthias Rath. Fotos: Oliver Bodmer
Expertenrunde bei der Podiumsdiskussion zur Generation Smartphone (großes Bild, von links): Unternehmer Philipp Depiereux, Medienpädagoge Sebastian Ring, Moderatorin Prof. Dr. Angelika Beranek, Landesschülersprecher Joshua Grasmüller, Psychiaterin Dr. Susanne Pechler und Philosophieprofessor Prof. Dr. Dr. Matthias Rath. Fotos: Oliver Bodmerr

Generation Smartphone im Fokus

Lebhafte Podiumsdiskussion zum Auftakt der Bildungstage München 2020

Von ANDREAS RITTER
Generation Smartphone: Wenn das Handy zum besten Freund wird“ war Titel der Podiumsdiskussion am Donnerstag, 21. November, in der Alten Rotation im Pressehaus Münchner Merkur/ tz.

Es war die Auftaktveranstaltung zu den Bildungstagen München, die am Samstag und Sonntag, 25. und 26. Januar 2020, im Pressehaus stattfinden.
Führt der Gebrauch von digitalen Medien bei Jugendlichen zu einem Rückgang der grob- und feinmotorischen Fähigkeiten, zu Konzentrationsschwächen und fehlender Empathie? Oder ist die dadurch gewonnene Medienkompetenz gleichbedeutend mit Zukunftskompetenz? Wie viel Smartphone tut jungen Menschen gut? Bei diesen Fragen gingen die Meinungen der Experten auf dem Podium zum Teil weit auseinander. So sahen die Besucher im Pressehaus eine äußerst lebendige Runde zum Auftakt der Bildungstage München 2020.

Auf dem Podium diskutierten Philosophieprofessor Matthias Rath, Landesschülersprecher Joshua Grasmüller, Psychiaterin Dr. Susanne Pechler, Medienpädagoge Sebastian Ring und der Unternehmer Philipp Depiereux, der seine Kinder völlig frei von Smartphone und Tablet erzieht. Moderiert wurde die Runde von Angelika Beranek, Professorin mit dem Schwerpunkt Medienbildung
an der Hochschule München.

Kindererziehung ohne Smartphone

„Wir müssen als Eltern mutig sein, auch gegen den Mainstream zu entscheiden“, sagte Philipp Depiereux. Als Gründer und Geschäftsführer von etventure, einer Beratungsgesellschaft für digitale Transformation für Unternehmen, ist er beruflich konsequenter Treiber von digitalem Wandel, privat jedoch das exakte Gegenteil: Denn seine Kinder wachsen ganz ohne „digital devices“ auf – und sie fühlten sich wohl dabei, betonte Depiereux.

„Kinder bis zum Alter von zehn oder elf sollten keine Smartphones nutzen“, sagte er mit Verweis auf Erkenntnisse von Hirnforschern, Lehrern und Medienwissenschaftlern. Natürlich sei dies nicht immer einfach, beispielsweise wenn es darum gehe, sich in der Schule gegen einen Klassen-Chat auszusprechen. Auch gegenüber anderen Eltern habe er klare Vorstellungen, wenn sich seine Kinder mit deren Sprösslingen verabredeten.

Die Freizeit müsse „digitalfrei“ verbracht werden. „Sollte das nicht klappen, spreche ich mit den anderen Eltern darüber“, so Depiereux. Mit 15 Jahren, so der Plan, bekomme seine Tochter dann ein eigenes Smartphone. Allerdings wolle er sie gut darauf vorbereiten, sie beim Weg ins Internet und beim Umgang mit den digitalen Medien begleiten. So solle sie beispielsweise lernen, wie sie das Netz richtig zur Recherche nutzen könne und wie man Fake News erkenne. Depiereux war übrigens nicht der Einzige im Saal, der seine Kinder „digitalfrei“ erzieht. Eltern im Publikum teilten seine Position, wie sich in der anschließenden Fragerunde herausstellte.

Digitalisierung ist keine Option, sondern ein Fakt

Jedes neue Medium werde zunächst einmal kritisch beäugt und oft an den negativen Aspekten gemessen, sagte Professor Dr. Dr. Matthias Rath, Philosoph, Medienwissenschaftler, Pädagoge und Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Dies sei in der Geschichte immer wieder so gewesen. Noch im 18. Jahrhundert habe es geheißen, Bücher seien schädlich, vor allem für das weibliche Geschlecht, nannte er ein aus heutiger Sicht völlig unverständliches Beispiel aus der Geschichte.

Wichtig sei, Kindern Leitlinien an die Hand zu geben und sie zu begleiten, so der Professor und Vater von fünf Kindern. „Die Digitalisierung ist keine Option mehr, sondern ein Fakt“, so Rath. „Digitale Medien sind ein Teil der Welt.“ Deshalb müsse man seine Kinder damit „genauso konfrontieren wie mit Tannenzapfen, einem Buch oder der Möglichkeit, einen Purzelbaum zu schlagen“. Seiner Meinung nach sei es schließlich auch nicht sinnvoll, Kindern erst mit 18 Jahren zu erklären, dass es draußen einen Straßenverkehr gebe. Vielmehr sei es notwendig, sie rechtzeitig darauf vorzubereiten.

Gleichzeitig müssten Eltern ihre Kinder aber stark machen im Umgang mit den
neuen digitalen Möglichkeiten und deren Auswirkungen. „Medien sind nicht schuld daran, was in Chats geschrieben wird“, so der Professor, Jugendliche sollten aber so selbstbewusst sein, derartige Chats im Zweifelsfall zu verlassen. Allerdings warnte Rath davor, die Eltern mit der digitalen Bildung ganz alleine zu lassen. „Hier sind auch die Bildungsinstitutionen gefragt.“

Verunsicherung in Familien spürbar

Als Ärztliche Leitung der Medienambulanz am kbo-Isar-Amper-Klinikum in München kenne sie zahlreiche Problemfälle, berichtete Dr. Susanne Pechler, die dort unter anderem Ansprechpartnerin für Mediensüchtige ist. Allerdings betonte sie: „Medien per se sind keine Krankheit.“ Sie trügen nicht alleine Schuld, oft sei die Problemstellung viel komplexer und es liege eine andere Ursache hinter einem bedenklichen Medienkonsum. In betroffenen Familien erlebe sie vielfach eine große Verunsicherung. Eine typische Frage laute beispielsweise: Wie viele Minuten Bildschirmzeit soll ich meinem Kind erlauben? „Darauf gibt es keine richtige Antwort, die für alle gilt“, so Pechler.

Familien sollten zunächst ihre Haltung gegenüber digitalen Medien überprüfen: Läuft der Fernseher beim Abendessen, ist das Smartphone permanent griffbereit und haben die Kinder auch andere Freizeitinteressen als die digitalen Medien? Immer wieder erlebe sie in Familien ein „merkwürdiges Belohnungssystem“, bei dem Kindern beispielsweise zehn Minuten mehr Bildschirmzeit zugestanden würden, wenn sie etwas gut gemacht haben.

Generell rät Pechler zu einem vorsichtigeren Umgang mit dem Suchtbegriff, denn nicht jede Mediennutzung bedeute gleich einen krankhaften Konsum. Falls aber ernsthafte Probleme auftauchen“, so die Psychiaterin, „sollten sich Eltern nicht scheuen, Beratungs- und Hilfsangebote zu nutzen.“

Rat an die Eltern: Auch eigene Mediennutzung prüfen

Für Sebastian Ring, Leiter des Medienzentrums München des JFF – Institut für Medienpädagogik, ist es wichtig, zu unterscheiden, was die Kinder und Jugendlichen mit dem Smartphone anstellen. „Das Smartphone ist ein multimedialer Tausendsassa“, sagte er. Jugendliche nutzten es als Foto- und Videokamera, Spielekonsole und Kommunikationsmittel, für Kinder seien zunächst einmal nur die Spiele interessant.

Im Falle der Jugendlichen kann ein Smartphone also durchaus sinnvoll sein, weniger empfehlenswert sei hingegen, die Kleinen auf digitalemWeg ruhig zu stellen, so Ring. Auf keinen Fall unterschätzen solle man die Rolle der Eltern beim Umgang mit den digitalen Medien, betonte er. Denn Eltern seien immer auch Vorbilder. So sähen Kinder zunächst bei ihnen, wie sie mit Smartphone und Tablet umgingen und auch, welche Möglichkeiten die Geräte böten.

Grundsätzlich gelte: „Je präsenter das Smartphone in der Familie, desto interessanter wird es auch für die Kleinen.“ Somit sollten Eltern die Mediennutzung kritisch prüfen, nicht nur bei ihren Kindern, sondern auch bei sich selbst. Übrigens, so Ring, könne auch „Daddeln“ mal okay sein. „Es muss nicht alles immer sinnvoll sein.“

Kindern früh Verantwortungsbewusstsein mitgeben

Den Verlust von analogen Kompetenzen durch Smartphones und Tablets sieht Joshua Grasmüller, Landesschülersprecher für Gymnasien in Bayern, bei Jugendlichen nicht, schränkte aber gleichzeitig ein: „Meine Generation hatte allerdings noch kein Tablet im Kinderwagen.“ Er hielte es für wichtig, den Kleinen zunächst analoge Kompetenzen zu vermitteln und erst danach auf digitale Medien zu setzen. „In der Grundschule sollte man Kinder weiterhin
Bücher lesen lassen und nicht jedem Erstklässler gleich ein Tablet in die Hand drücken“, so Grasmüller. Man könne jedoch nicht früh genug anfangen, Kindern Verantwortungsbewusstsein mitzugeben.

Zur Frage eines eigenen Schulfachs zur Nutzung der digitalen Medien herrschte in der Runde weitgehend Einigkeit: Medienbildung gehöre wie soziale Kompetenz zu den Querschnittsbereichen. Sie müssten von jedem Lehrer in jedem Fach vermittelt werden. Dies erfordere aber auch, dass die Aus- und Weiterbildung von Lehrern entsprechend ausgerichtet werde.

 

Bildergalerie

Podiumsteilnehmer:

Dr. Susanne Pechler

Zur Person

Dr. Susanne Pechler, Ärztliche Leitung der Medienambulanz am kbo-Isar-Amper-Klinikum in München

Die Medienambulanz am kbo Isar-Amper-Klinikum fungiert als Anlaufstelle, wenn die virtuelle Welt die Realität zunehmend verdrängt.
Mit verschiedenen Therapieansätzen hilft die Medienambulanz medienabhängigen Menschen, wieder eine Balance zwischen Mediennutzung, Alltagsbewältigung und zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden.

 

Philipp Depiereux

Zur Person

Philipp Depiereux – Gründer & Geschäftsführer von etventure, Initiator & Moderator von ChangeRider, gefragter Keynote Speaker auf Events aus Politik & Wirtschaft und Vater von vier Kindern.

Beruflich konsequenter Treiber von digitalem Wandel, privat das exakte Gegenteil: seine Kinder wachsen ohne jegliche digital devices auf. Das älteste Kind zudem gerade in einem Alter, wo Smartphone & Co. den Alltag bestimmen.
Spannend zu hören, wie er beide Welten verbindet bzw. wie es ihm gelingt, sie strikt zu trennen.

Sebastian Ring

Zur Person

Sebastian Ring, Leiter des Medienzentrums München des JFF – Institut für Medienpädagogik

Sprecher des Netzwerks der Medienzentren im deutschsprachigen Raum FRAME, Sprecher der Landesgruppe der GMK – Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur

Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Themenbereiche Heranwachsen und digitale Medien (insbesondere Internet und Computerspiele), Medienethik, Partizipation und Vernetzung.

Joshua Grasmüller

Zur Person

Landesschülersprecher für Gymnasien in Bayern

Vertreter der Generation Smartphone, der das Smartphone zwar häufig nutzt, aber auch froh ist, das Gerät mal für ein paar Stunden zur Seite legen zu können, um die Ruhe zu genießen.

 

 

Für ihn ist das Smartphone zwar ständiger Begleiter im Alltag, doch deshalb noch lange nicht der beste Freund.

 

Prof. Dr. Dr. Matthias Rath

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Matthias Rath ist Philosoph, Medienwissenschaftler, Pädagoge und Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
Dort leitet er u.a. die Forschungsstelle Jugend – Medien – Bildung, in der die Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und Bildungsprozessen erforscht werden.
Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. Medienethik, empirische Medien- und Medienbildungsforschung. In mehreren Studien hat Professor Rath die Chancen und Risiken der Nutzung digitaler Medien für Kinder und Jugendliche und die Bedingungen einer gelingenden Medienerziehung empirisch und ethisch untersucht.

Prof. Dr. Angelika Beranek

Zur Person

Prof. Dr. Angelika Beranek, Professorin mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Hochschule München.

Dort leitet Sie  u.a. das media I culture I lab. Frau Professor Beranek war mehr als zehn Jahre in der medienpädagogischen Jugendarbeit tätig und lehrte an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen. Ihre Forschungsbereiche sind Einflüsse der Mediatisierung auf die Theoriebildung der Sozialen Arbeit, Medienerziehung, ethische Aspekte algorithmischer Entscheidungsprozesse und vieles mehr.