Wie Werbung Kinder dick macht

Wie Werbung Kinder dick macht

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Immer mehr Kinder und Jugendliche sind zu dick – sogar krankhaft dick. Im vergangenen Jahr galten sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen als krankhaft übergewichtig, 2011 waren es noch 4,5 Prozent. Starkoch Jamie Oliver fordert nun mit 40 namhaften Organisationen ein Verbot für an Kinder gerichtete Werbung für Junk-Food.

Kinder essen etwa doppelt so viel Süßigkeiten, aber nur halb so viel Obst und Gemüse wie empfohlen. Das macht sich immer häufiger auch auf der Waage bemerkbar: So waren im Jahr 2011 noch 4,5 Prozent der sechs- bis 18-Jährigen stark übergewichtig (Adipositas), im vergangenen Jahr lag die Zahl schon bei sechs Prozent. An Übergewicht –also starkem und auch schon leichtem – leiden aktuell gut 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Laut den Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse in Hannover zählt Adipositas heute zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter.
Eine schwere Hypothek, denn den Betroffenen drohen im späteren Leben Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Jeder siebte Todesfall in Deutschland ist laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf ungesunde Ernährungzurückzuführen.

Mehr Medienkonsum seit der Pandemie

In der Pandemie hat zudem der Medienkonsum der Kinder zugenommen. Laut einer aktuellen Studie stieg die tägliche Bildschirmzeit von drei auf mehr als vier Stunden täglich. Die Folgen: Weniger Bewegung und zugleich mehr Konfrontation mit Werbung für ungesundes Essen – sogenanntes Junk-Food. Allein die Süßwarenindustrie hat 2021 über eine Milliarde Euro für Werbung ausgegeben –soviel wie nie zuvor.

Laut einer Studie der Universität Hamburg sieht jedes Kind zwischen drei und 13 Jahren pro Tag im Schnitt 15 Werbespots für ungesunde Lebensmittel. 92 Prozent der gesamten Werbung, die Kinder wahrnehmen, vermarktet Fast Food, Snacks oder Süßigkeiten.

Jetzt hat sich ein Bündnis aus rund 40 Organisationen zusammengeschlossenund fordert ein Verbot von speziell an Kinder und Jugendliche gerichteter Werbung für stark zucker-, salz- und fetthaltige Nahrungsmittel. Gelten soll das Verbot im Fernsehen und im Internet zwischen 6 und 23 Uhr.

TV-Starkoch Jamie Oliver appelliert für das Bündnis an die Ampel-Koalition, Kinder und Jugendliche vor Werbung für Lebensmittel mit viel Zucker, Fett oder Salz zu schützen. Werbung beeinflusse „nachweislich die Präferenzen und das Essverhalten“ junger Menschen, heißt es in einem offenen Brief an die Parteivorsitzenden von SPD, Grünen und FDP, den zahlreiche medizinische Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen, Elternverbände, Verbraucherschutz- und Kinderrechtsorganisationen sowie Krankenkassen und Ernährungsorganisationen unterzeichnet haben.

„Tag für Tag bombardiert die Lebensmittelindustrie unsere Kinder mit Werbung für Zuckerbomben und fettige Snacks – sie schaltet TV-Spots während Fußballspielen, Casting-Shows und Kindersendungen und engagiert beliebte Influencer“, schreibt Jamie Oliver. In Großbritannien soll ab 2024 eine umfassende Werbebeschränkung in Kraft treten. Im Internet soll Werbung für Ungesundes komplett untersagt und im TV ausschließlich nachts ausgestrahlt wer-den dürfen. Jamie Oliver hatte sich gemeinsam mit Ärzteverbänden und Elternorganisationen jahrelang für ein solches Gesetz starkgemacht. Er sagt „Werbebeschränkungen sind ein zentraler Baustein zum Schutz der Kindergesundheit.“

Bündnis für strenge Werbebeschränkungen

Auch die Ampel-Parteien in Deutschland hatten im Koalitionsvertrag angekündigt, gegen Junkfood-Werbung vorzugehen. Das Bundesernährungsministerium dürfte schon in Kürze einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegen. Das breite zivilgesellschaftliche Bündnis pocht auf eine „umfassende Regelung“. Eine „Werbebeschränkung light“, die lediglich klassische Kindersendungen adressiert, würde „ihr Ziel verfehlen“. Das Gesetz müsse Junkfood-Werbung in TV, Radio und Streamingdiensten tagsüber von 6bis 23 Uhr un-tersagen. Influencer sollten ausschließlich Werbung für gesunde Lebensmittel machen dürfen. Für Plakatwerbung solle eine 100-Meter-Bannmeile im Umkreis von Kitas, Schulen und Spielplätzen gelten. Als Grundlage, welche Lebensmittel als ungesund gelten, müsstendie Nährwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dienen.

Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, schloss sich der Forderung an: „Werbung für überzuckerte Süßwaren, salzige Chips und fettiges Fast-Food hat in Kinderzimmern nichts verloren.“ Die Zeit der wirkungslosen freiwilligen Selbstverpflichtungen sei vorbei.

Mädchen essen Foodwatch zufolge im Durchschnitt mehr als 60 Gramm freie Zu-cker pro Tag, obwohl sie maximal 38 Gramm zu sich nehmen sollten. Bei Jungen sind es im Schnitt mehr als 70 Gramm freie Zucker pro Tag, obwohl sie nicht mehr als 44 Gramm verzehren sollten. Als freie Zucker werden Zuckerarten bezeichnet, die zum Beispiel Lebensmittelhersteller ihren Produkten zusetzen, sowie der in Honig, Sirup, Fruchtsaftkonzentraten und Fruchtsäften natürlich enthaltene Zucker. Natürlicherweise in Früchten oder Milchprodukten vorkommender Zucker fällt nicht darunter, wieFood-watch erläutert.

Die Organisation verweist auf Empfehlungen etwa der Weltgesundheitsorganisation, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Deutschen Diabetes Gesellschaft, wonach Minderjährige maximal zehn Prozent der täglichen Kalorien durch sogenannte freie Zucker auf-nehmen sollten.

Tatsächlich aber nähmen Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 18 Jahren in Deutschland 16,3 Prozent ihrer Tagesenergie aus freien Zuckern auf –das seien 63 Prozent mehr als empfohlen.

Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker kritisiert dagegen, dass sich Foodwatch fälschlicherweise auf eine Produktgruppe konzentriere. Dabei sei „für das Körpergewicht die Kalorienbilanz entscheidend. Wer insgesamt mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt zu“, erklärte der Geschäftsführer der Vereini-gung, Günter Tissen. Er warb dafür, Bewegung bei Kindern zu fördern.

VON SUSANNE SASSE
Foto: Shutterstock

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